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Die Geschichte von Grace

Von Yvonne Salfner Eingestellt am 20.1.2015
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Grace wurde in England geboren und lief in der Schweiz zwei Saison lang Rennen. Bis sie nicht mehr in die Startmaschine ging. Sie wurde verkauft und im Militarysport eingesetzt, bis sie immer schneller und unkontrollierbar wurde. Die damalige Reitbeteiligung übernahm die Stute, da sie sonst zum Metzger gegangen wäre.
Leider steigerte sich Grace immer weiter in ihre unerwünschten Muster hinein. Sie ging nicht mehr in den Hänger, drohte beim satteln, floh vor der Trense, rannte dem Reiter davon, liess sich von den Hofbetreibern nicht mehr auf der Weide einfangen, ja nicht einmal mehr führen.
 
Als sie zu mir kam, war mir bald klar, dass man die Muster durchbrechen musste, indem man die Lebenssituation für das Pferd komplett änderte. Eine Box mit Auslauf war zu gross, sie rannte raus und rein, wie verrückt, sobald jemand ein Pferd aus dem Stall nahm. Sie war nicht empfänglich für jegliche Ansprache und zerlegte die komplette Box sobald Kraftfutter verteilt wurde.
Sie zog in die Panelbox ein und ich begann sie von Hand am Brunnen zu tränken. Fast sofort entspannte sie sich auf dem kleinen Raum! Sie begann zu verstehen, dass Menschen nicht nur dumme Ideen haben, sondern es Sinn macht, mir zum Brunnen zu folgen. Nach 3 Tagen riss sie nicht mehr zurück am Seil.
Ich begann sie im Round Pen zu reiten, mit dem Halfter. Ich stieg auf, sie lief los, ich wartete bis sie stehen blieb und sprang schnell runter, um ihr eine Pause zu geben. Sie konnte schlicht nicht stehen, wenn der Reiter drauf sass. So begann sie zu verstehen, dass sie sich entspannen und stoppen kann, auch mit Reiter.
Ich wusste, mit der Trense könnte ich ihr besser helfen, in die Dehnung zu finden. Doch sie wehrte sich wie verrückt gegen den Kontakt. Verständlich, denn bisher hatte man den Zügel meist für (vergebliche) Kontrolle benutzt und sehr viel Druck gemacht. Noch dazu hat sie bei Rennen gelernt, Zügel annehmen heisst GO! Ich bin lange in einer Mischung aus Freestyle und Finesse geritten, sozusagen Friendly Game bis ich sie mit dem Zügel mehr anfassen konnte.
Nach ca. 7 Monaten intensivem, fast täglich mehrstündigem Training kamen wir langsam an mehr Kontakt. Zwischendurch hatte sie im Frühling 2013 einen heftigen Rückfall, in dem sie nicht einmal mehr am Seil am Boden still stehen konnte und nur tobte. Ich blieb dran an meinem Programm und bin auch immer wieder aufgestiegen. Es gab durchaus Momente in denen ich dachte, es wird nie gut. Leute, die sie in dieser Zeit sahen, hielten mich wohl für verrückt und fragen heute noch nach ihr, ob es was geworden ist. Im Sommer dann konnte ich sie, endlich, mit Kontakt am Zügel in allen drei Gangarten auf dem Platz reiten. Auch ausreiten begannen wir uns Stück für Stück zu erarbeiten. 
 
Im Spätsommer 2013 wurde sie auf der Weide getreten und musste ins Spital, sie durfte sich mehrere Wochen nicht bewegen und danach nur langsam. Ich bewegte sie im Schritt am Seil und ritt sie später auch im Schritt mit dem Halfter in unseren Pattern Eck zu Eck, dem Zaun entlang, und Kreise von Gasse zu Gasse. Das ging sehr gut und sie war erstaunlicherweise sehr ruhig, obwohl sie sich nicht frei bewegen durfte. Sie schob auch noch einen sehr schlimmen Hufabszess hinterher und somit blieb unser Training über 4 Monate mehr oder weniger stehen. Wobei ich sagen muss, dass diese lange Schrittphase sicherlich auch gut war und uns weitergebracht hat.
 
Nachdem sie kuriert war, startete ich wieder mit der Trense und wollte dort weitermachen, wo wir aufgehört hatten. Sie machte gut mit und ich begann mit den nächsten Schritten: Biegeübungen und aus der Biegung dehnen.
 
Leider begann sie im Frühling darauf (2014), sich wieder gegen den Zügel zu wehren. Sie steigerte sich extrem hinein, bis sie wieder davon rannte wenn ich den Zügel anfasste, um sie zum Beispiel zu biegen oder einfach nur einen Richtungswechsel zu reiten. Am Boden blieb der Rückfall dieses Mal komplett aus. Sie war ruhig, entspannt und machte wunderbar mit.
 
 
Ich war zugegebener Massen verunsichert und enttäuscht, dass dieses Muster so extrem zurück kommt und begann wieder sie im Halfter zu reiten, im Roundpen um die Lenkung und Biegung wieder zu installieren. Ich liess sie am langen Zügel laufen, nahm ihn auf (sie rannte los) und liess den Zügel wieder gehen(sie lief ruhiger) ich nahm ihn wieder auf (sie rannte los) usw. bis sie sich entspannte und ich den Zügel, vom Halfter, nehmen konnte und sie nicht mehr rannte. Dasselbe tat ich dann mit kleinen Kreisen lenken. Denn, im Gegensatz zu den meisten schnellen Pferde, verunsicherten die kleinen Kreise sie mehr, als dass sie sie beruhigten. Sie kam jeweils komplett aus der Balance und versuchte sich, durch schneller rennen, zu retten.
Jedoch halfen mir die Übungen nicht für Reiten mit der Trense. Und um ihr zu helfen, ihren Körper gesünder einzusetzen, wollte ich sie mit der Trense reiten. In diesem Frühling hatte ich eine sehr emotionale Unterrichtsstunde mit Mikey Wanzenried, in der ich begriff warum sie davon rannte.
In all der Zeit mit ihr, habe auch ich Muster entwickelt und mit der Trense konnte ich nicht mehr loslassen. Ich musste es schaffen, meine Ängste zu überwinden und wirklich die Zügel loslassen. Ich hielt sie immer ein wenig, machte immer ein wenig Aktion/Reaktion. Versuchte immer ein wenig sie zu kontrollieren. Ausserdem versteifte ich mich oben drauf wenn ich merkte, dass sie bald explodieren könnte. 
 
Nun sass ich da, wusste besser als jeder Andere, dass man Pferde nicht an zwei Zügeln halten und ich mich nicht anspannen soll wie ein Raubtier. Doch mein Körper gehorchte nicht mehr.
Wir versuchten in dieser Stunde mein Muster zu lösen, ich musste lernen, loszulassen. Doch das dauerte noch einige Sessions, in denen ich auf einem ausser Kontrolle, galoppierenden Pferd sass und übte, Freude daran zu entwickeln.
Man sagt, die Pferde in deinem Leben, bringen eine Lektion für dich. Hier war also meine.
 
Tatsächlich schaffte ich es nach ein paar Wochen und mein Pferd wurde ruhiger mit mir oben drauf. Es war meine Einstellung, die ich ändern musste. Denn bald konnte ich auch wieder den Zügel in die Hand nehmen (ohne ziehen und halten). Ich realisierte auch, dass ich den indirekten Zügel, die Hinterhandkontrolle, zu wenig seriös behandelt hatte. Das hatte Grace natürlich nicht gern und ich habe es etwas vernachlässigt. Also haben wir das für mehrere Wochen ernsthaft geübt. Noch eine Lektion: Befolge das Programm richtig und verbringe Zeit mit den Lektionen! (Mit Sancho musste man nie lang üben, somit bin ich da etwas faul geworden ;-))
 
Im Sommer diesen Jahres hat mich Grace, zusammen mit Sancho auf unserer Sommerreise nach Belgien und Deutschland begleitet. Wir haben viel Zeit miteinander verbracht, hatten in Belgien mehrere Lektionen mit Mikey und ich habe den Fast Track in Deutschland genutzt, um stundenlang auf Grace zu sitzen, während die Studenten Unterricht hatten. Ich meine wirklich sitzen, bewusst ohne reiten. Damit sie merkt, dass man nicht immer etwas muss und ich lerne, dass man nicht immer etwas tun muss. Am Ende konnten wir entspannt mit 20 anderen Reitern einen wunderbaren Schrittausritt machen. Unvorstellbar noch einige Monate zuvor.
 
 
Zurück in der Schweiz waren wir im Ausbilderkurs bei Philippe Karl (www.philippe-karl.com) und können nun wirklich weiter gehen und die Reitausbildung in Angriff nehmen. 
Ausserdem schauen wir voller Vorfreude auf das nächste Jahr, das uns ein neues grosses (kleines) Abenteuer beschert.
 
 
 

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